Kaffeeszene in London

Workshop Coffee Co. Clerkenwell Street, London

Großbritannien hat international den Ruf, die Nation der Teetrinker zu sein. Mit einem Teekonsum von 2.74kg pro Kopf pro Jahr, steckt darin sicher ein Funken Wahrheit. In der Specialty Coffee Szene nimmt London aber einen weiteren speziellen Platz ein, nämlich jenen als Vorreiter der Third Wave Coffee Bewegung. Und auch das dürfte nicht ganz unbegründet passieren, viele klingende Namen der Bewegung kommen aus England, oder hatten ihre Anfänge ebendort. James Hoffmann (Square Mile Roastery und Author des Coffee Atlas), Gwylim Davis (ehemals Prufrock Coffee), … um nur einige wenige zu nennen. Die Ursprünge liegen dabei schon 10 Jahre zurück und dementsprechend groß ist das Angebot an einschlägigen Coffeeshops in London. Der London Coffee Guide listet derzeit 218 Specialty Kaffees in London. Wir waren Mitte Mai für 5 Tage vor Ort und haben versucht uns einen Überblick über den aktuellen Stand der britischen Kaffeeszene zu verschaffen.

Das Angebot an Cafés ist schier unbegrenzt und reicht von winzigen Ein-Person-Läden bis hin zu Ketten mit mehreren Filialen, hinzu gesellen sich dann noch die richtig großen Namen wie Starbucks, Cafe Nero, … die wir hier außen vor lassen wollen. Während in vielen Städten ein kurzer Blick auf Ausstattung der Shops (Maschine, Mühle,…) oder auch Handgriffe der Barista relativ viele Aufschlüsse über die Qualität des servierten Kaffees geben kann, ist uns das in London leider selten so gelungen. Fairerweise muss angemerkt werden, dass trotz enttäuschender Momenten in keinem Café wirklich schlechter Kaffee serviert wurde.

Kurzum, neben den großartigen herausstechenden Glanzlichtern liegt das allgemeine Niveau leider doch unter jenem in anderen Städten mit deutlich überschaubarerem Angebot an Cafés.

Prufrock, Leather Lane, London

Der vorwiegende Teil der angebotenen Espressoröstungen sind Blends, üblicherweise sehr schön balanciert und mit angenehmen aber dezenten Fruchtnoten. Single-Origins werden in vielen Shops nicht mal auf Nachfrage angeboten. Unser Favorit unter den Blends: der East Blend von Nude Espresso (60% Brasilien Fazenda Pantano, 40% El Salvador El Borbollon).

Die Single-Origins sind den Filterkaffees vorbehalten, obwohl zum Beispiel Nude Espresso auch mit Blends für Filterkaffee experimentiert.

Nude Espresso, Hanbury Road, London

In allen Gesprächen die wir führen konnten wurde uns erklärt, dass versucht wird Kaffeesaisonen zu etablieren. Das heißt: Die Auswahl der Bohnen wird stärker an die Erntezeiten der Anbauländern angepasst. Bei Ankunft des Rohkaffees in London wird versucht, spätestens nach 2-3 Monaten den kompletten Bestand zu verarbeiten. So waren Mitte Mai Kaffees aus Kolumbien und Costa Rica (Ernte Ende 2014) tatsächlich in beinahe allen Coffeeshops erhältlich. Äthiopischen Kaffees – z.B. Nana Challa, die Januar/Februar 2015 geerntet wurden – waren bereits teilweise verfügbar.

Unter der breiten Masse an Kaffees, die uns – wie bereits erwähnt – nicht immer voll und ganz überzeugen konnten, gab es die einigen wenigen Shops die deutlich herausstachen. Unsere Highlights einer definitiv nicht vollständigen Liste sind folgende Shops:

Workshop Coffee (27 Clerkenwell Road)
Der Hauptstandort von Workshop Coffee erstreckt sich über 2 Stockwerke mit zwei komplett getrennten Kaffeebars. Zusätzlich befindet sich im hinteren Bereich die Rösterei und ein getrennter Bereich für Workshops, Cuppings und andere Veranstaltungen. Gäste können an 2 Tagen pro Woche den Röstvorgang beobachten und dabei den großartigen Kaffee oder Essen genießen. Angeboten werden alle gängigen Zubereitungsmethoden für Filter und espressobasierende Getränke. Workshop Coffee bietet überwiegend Single-Origins an und so war der Standardespresso bei unserem Besuch ein toller Äthiopier (Duromina co-operative, washed aus Jimma).

Prufrock (23-25 Leather Lane)
Prufrock, der Ort an dem viel Third Wave Geschichte geschrieben wurde. Ein großer Laden, in dem alles etwas lauter ist als anderswo. Egal ob Personal, Musik, Wandbemalung oder Design der Espresso Maschinen. Dass das Airbrush auf der brandneuen Victoria Arduino Black Eagle so dezent in schwarzweiß gestaltet wurde verwundert dabei schon fast. Neben einer großen Auswahl an Filterröstungen stehen 3 Novella Mühlen für den Espresso bereit. Derzeit befüllt mit Houseblend, Sweetshop Espresso Blend und einem Single Origin aus Kolumbien (El Meridiano Tolima). Allesamt von Square Mile Roastery geröstet. Der Single-Origin aus Kolumbien hatte einen vollmundigen Körper, war aber etwas unausgewogen, fast schon als langweilig zu bezeichnen. Der Sweetshop Blend, wie der Name schon erraten lässt, konnte mit stark ausgeprägten Fruchtnoten voll und ganz überzeugen.

Department of Coffee and Social Affairs (3 Lowndes Court)
DOC hat in London mittlerweile unzählige Filialen. Jene in der Nähe zur Carnaby Street und somit unweit des Oxford Circus gelegen hat uns besonders gefallen. Ursprünglich als Speakeasy Kaffeebars geführt, ist sie auch jetzt noch sehr versteckt in einer kleinen Seitenstraße gelegen. Die wenigstens dürften sich hier zufällig hinverirren. Leider wurde Filterkaffee bei unserem Besuch nur als Batch-Brew angeboten. Der Espresso – hier im besonderen das Special “The Bells of Saint Clements” – hat uns sehr überzeugt. Wenig verwunderlich, schließlich handelt es sich um einen Single-Origin aus der Washing Station (Nyamagabe) von Epiphany Muhirwa in Ruanda, die für ausgezeichnete Qualität bekannt ist.

Nude Espresso (26 Hanbury Street)
East London sollte bei einem London Besuch auf jeden Fall am Plan stehen. Nude Espresso in der Hanbury Street ist nur einige Meter von der gut besuchten Brick Lane entfernt und damit von jeder Menge hipper Geschäfte und Lokale umgeben. In der kleineren Seitenstraße befinden sich sowohl Café als auch deren Rösterei auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Wenn das Wetter mitspielt, laden Bänke am Gehsteig zum Kaffeegenießen und Menschen beobachten ein. Unser Favorit war hier ein Kenianer (Karinga AB, washed vom Gitwe co-operative).

Bild 1 mit freundlicher Genehmigung von Workshop Coffee Co. Bildrechte Leo Bieber.
Bild 3 mit freundlicher Genehmigung von Nude Espresso.

Manfred

Ich bin ein Freund der italienischen Kultur, und trinke bevorzugt Espressi. Bin jedoch für alles offen und die Vielfalt an Aromen fasziniert mich jedesmal aufs Neue. Ihr findet mich auf Twitter (und auch sonst fast überall) unter @mlinzner.

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3 Antworten

  1. Patrick sagt:

    Da wird der einfache Kaffee echt zu einem Erlebnis. Sehr schöne Locations. Habe mir die Empfehlungen angesehen und mir fest vorgenommen, bei meinem nächsten London besuch ein paar davon kennen zu lernen.

  2. Manfred sagt:

    Schön, dass dir der Artikel gefällt Patrick. Wir freuen uns über Rückmeldung oder neue Tipps nach deinem London Besuch ;)

  3. Das klingt richtig lecker. Ich bin ein Genuss-Mensch – vor alles was Kaffee angeht! ich freue mich auf meinen nächsten Trip nach London.

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